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Zur Geschichte des genossenschaftlichen Wohnens

"Mehr als ein Dach über dem Kopf -  Anders Leben in Genossenschaften"

Kinderfest 1911 in der Charlottenburger Baugenossenschaft
Kinderfest 1911 in der Charlottenburger Baugenossenschaft

Neben dem oft zitierten Leitbild "Licht, Luft und Sonne" zur Überwindung des Wohnungselends in der Mietskasernenstadt Berlin vertraten die Genossenschaften schon früh weiterreichende Ziele auf dem Gebiet der Lebens-, Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsreform. Die neue Dimension von Miteigentum, Mitbestimmung und Solidarität schloss ebenso den Ausbau von bislang vernachlässigten Bewohnerrechten und emanzipatorischen Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens in der Gruppe mit ein.

Die Geschichte der Genossenschaftsbewegung erweist sich daher in weiten Teilen als Geschichte von Innovationen. So sind viele Hausgruppen inzwischen nicht nur zu Baudenkmälern geworden, ebenso stellen sie Zeugnisse sozial- und kulturhistorischer Leistungen und Entwicklungen dar.

Schon seit Ende des letzten Jahrhunderts waren genossenschaftliche Kindergärten, Bibliotheken und Freizeitvereine weit verbreitete Einrichtungen. Das gesellige Leben wurde nicht nur durch genossenschaftseigene Wirtshäuser geprägt - im Berliner Spar- und Bauverein unter dem Motto: "Das Wirtshausleben in edlere Bahnen zu lenken". Das Netzwerk nachbarschaftlicher Kontakte und Hilfsleistungen erweiterten zahlreiche Zusammenschlüsse wie Männergesangsvereine, Kegel- und Schachclubs oder Diskussionszirkel. Kultur- und Bildungsveranstaltungen ergänzten das genossenschaftliche Leben, ebenso organisierte Formen gemeinschaftlicher Ökonomie wie Bäckerei- und Konsumgenossenschaften. Die größte Attraktivität besaßen allerdings die Kinder- und Sommerfeste, die phantasievoll und mit viel Elan gefeiert wurden.

Vergnügungskommitee im Berliner Spar- und Bauverein, um 1900
Vergnügungskomitee im Berliner Spar- und Bauverein, um 1900

Mit der Rechtsform Baugenossenschaft entstand jedoch kein einheitliches Modell. Vor allem in Berlin entwickelte sich eine weit gestreute Vielfalt an Ausprägungen. Schon bis 1914 unterschieden sich differierende Genossenschaftstypen, die sowohl durch ihre Mitgliedschaft, Förderer und Reformkonzepte unterschiedliche Lebensformen nach sich zogen.

Als Spiegel dieser Variationsbreite zeigt sich auch heute die Zusammensetzung der älteren Mitgliedsunternehmen des Genossenschaftsforums, die von den ab 1900 gegründeten Beamtenvereinen über Selbsthilfe- und Siedlergruppierungen bis zu den von bürgerlichen Reformern initiierten Genossenschaften für den Arbeiter- und Mittelstand reichen. Erweitert wird der Kreis durch der die ehemaligen Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften der DDR, die ab 1954 gegründet wurden. Hier stand vor allem in den Anfangszeiten die genossenschaftliche Selbsthilfe und Solidarität im Vordergrund - Ansätze, die heute mit neuen Ideen wieder aufgegriffen werden.

Werbeschrift zur AWG
Werbeschrift zur AWG

Das Genossenschaftsforum sieht es auch zukünftig als seine Aufgabe, diese unternehmenstypischen Wurzeln nicht nur in Festschriften zu erinnern, sondern Anregungen zur Reaktivierung von Traditionen zu geben und sie aktuellen Anforderungen anzupassen. Der Blick zurück in die Genossenschaftsgeschichte bedeutet daher nicht nur ein nostalgisches Verweilen, vielmehr zeigt er ein reiches Potential von Anknüpfungspunkten für aktuelles und zukünftiges Handeln auf. Die genossenschaftliche Form ist in dieser Hinsicht keine Konstante, sondern gelebte Form und Modell zur lebendigen Ausgestaltung. Die Suche nach innovativen und gemeinschaftsorientierten Lebens- und Wohnformen in unserer Gesellschaft bleibt auch weiterhin das zentrale genossenschaftliche Thema.

Zum Weiterlesen: „Bauen für die Gemeinschaft - Genossenschaftliche Entwicklungslinien in Berlin", Renate Amann, Barbara von Neumann-Cosel, Berlin 2008 ISBN 3-930075-35-5